Unternehmensnachfolge ist für Unternehmer ein Meilenstein – emotional, strategisch und finanziell. Im aktuellen Umfeld wird die Entscheidung zusätzlich durch wirtschaftliche Stagnation, geopolitische Spannungen und tiefgreifende Transformation erschwert. Sollte die Nachfolge deshalb jetzt angegangen werden – oder ist es besser, auf ruhigere Zeiten zu warten?
I. Wirtschaftliches Umfeld und Unternehmensnachfolge
Die Zahlen zeigen den wachsenden Handlungsdruck. Laut DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 suchten 2024 fast 10.000 Unternehmen aktiv nach einer Nachfolgelösung – 16 Prozent mehr als im Vorjahr und ein neuer Höchststand. Dem standen rund 4.000 Übernahmeinteressenten gegenüber.
Ein wesentlicher Treiber ist die Demografie. Das Durchschnittsalter der Übergeber lag 2024 bei 63 Jahren, der Anteil der über 75-Jährigen hat sich seit 2015 auf rund 8 Prozent nahezu verdreifacht. Knapp 30 Prozent der Unternehmen auf Nachfolgersuche erwägen inzwischen eine Schließung. Gleichzeitig sinkt der Anteil familieninterner Lösungen, sodass externe Übernahmen an Bedeutung gewinnen.
Hinzu kommt ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Seit der Covid-Krise kommt die deutsche Wirtschaft kaum in Schwung. Energiekrise, Transformation der Automobilindustrie, Bürokratie- und Abgabenlast sowie strukturelle Standortprobleme belasten Umsatz und Margen. Das erschwert Unternehmensverkäufe und erhöht zugleich die Zurückhaltung auf Käuferseite.
Auch die Insolvenzzahlen spiegeln diese Entwicklung wider: 2025 meldeten rund 24.000 Unternehmen Insolvenz an – gut 10 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 20 Jahren. Zwar zeigte sich der Mittelstand mit einer durchschnittlichen Gewinnmarge von 7,0 Prozent noch vergleichsweise stabil, die Vorsteuermargen bleiben jedoch unter Druck.
II. Zehn Faktoren für die Nachfolgeentscheidung
Management von Dauerkrisen
Pandemie, Energiekrise, Inflation, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche haben den unternehmerischen Ausnahmezustand verstetigt. Eine Nachfolge kann hier neue Energie und Perspektiven bringen. Wer dagegen zu lange wartet, riskiert Ermüdung und aufgeschobene strategische Entscheidungen.
Niedriges oder negatives Wirtschaftswachstum
Die wirtschaftliche Stagnation belastet Umsatz und Ertrag. 2024 verzeichnete der Mittelstand real ein Umsatzminus von rund 1 Prozent. Sinkende Gewinne führen tendenziell zu niedrigeren Unternehmensbewertungen und können die Verkaufserwartungen der Übergeber gefährden. Ist Aufschieben eine Lösung? Nur, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich verbessern.
Druck auf Unternehmensbewertungen und Finanzierung
Zusätzlich erschwert die gestiegene Risiko-Aversion der Banken Transaktionen. Rund 34 Prozent der Mittelständler berichten von schwierigen Kreditgesprächen. In konjunktursensiblen Branchen sind Bewertungsmultiples zuletzt um bis zu 10 Prozent gesunken. Höhere Anforderungen an Sicherheiten und kurze Refinanzierungszeiträume erschweren insbesondere fremdfinanzierte Übernahmen.
Transformation der Wirtschaft
Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und veränderte Kundenanforderungen zwingen viele Unternehmen zur Anpassung. Für Nachfolger bietet dies Chancen, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln. Für Übergeber kann die notwendige Transformation kurz vor dem Ruhestand dagegen ein zusätzlicher Grund sein, die Nachfolge nicht hinauszuzögern.
Hohe Bürokratiebelastung
Auch die Bürokratie erhöht den Druck. Laut einer Studie der Wolff & Häcker Finanzconsulting AG und ESM Ebner Stolz Management Consultants von 2025 beziffern mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmer den bürokratiebedingten jährlichen Mehraufwand auf mindestens 2 Prozent des Umsatzes. Das erhöht einerseits die Bereitschaft zur Übergabe, wirkt andererseits aber auch auf potenzielle Käufer abschreckend.
Arbeitsmarkt und Fachkräftemangel
Der Fachkräftemangel erschwert die Unternehmensführung zusätzlich. Eine frühzeitig vorbereitete Nachfolge kann Mitarbeitern Sicherheit geben und wichtige Leistungsträger binden. Eine über Jahre ungeklärte Situation birgt dagegen das Risiko, Personal und wertvolles Erfahrungswissen zu verlieren.
Stakeholder-Kommunikation
Nachfolge ist auch ein Kommunikationsprozess. Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Banken wollen wissen, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Ein professionell vorbereiteter und kommunizierter Übergang schafft Vertrauen und signalisiert gerade in unsicheren Zeiten Kontinuität.
Demografischer Stau: Das Warten hat seinen Preis
Nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn) stehen zwischen 2026 und 2030 rund 186.000 Unternehmen zur Übergabe an. Wenn viele Unternehmer gleichzeitig auf bessere wirtschaftliche Bedingungen warten, dürfte das Angebot an Unternehmen auf dem Nachfolgemarkt weiter steigen. Wer früher startet, erhöht die Chance, ohne unnötigen Zeitdruck den passenden Übernehmer zu finden.
Private Equity und Finanzinvestoren als Alternative
Neben klassischen Nachfolgern gewinnen Finanzinvestoren an Bedeutung. Beteiligungsgesellschaften investieren zunehmend auch in kleinere mittelständische Unternehmen und bieten damit zusätzliche Nachfolgeoptionen. 2025 lag der Anteil von Finanzinvestoren am M&A-Markt bereits bei 34 Prozent. Gerade wenn eine familieninterne Lösung oder ein MBO/MBI ausscheidet, kann diese Käufergruppe eine Alternative darstellen.
Der Faktor Zeit
Der Zeitbedarf einer Unternehmensnachfolge wird häufig unterschätzt – insbesondere bei der Suche nach dem richtigen Übernehmer. Es genügt nicht, einen Kaufinteressenten zu finden: Der Nachfolger muss Finanzierung, fachliche Kompetenz und unternehmerische Eignung mitbringen und zugleich zum Unternehmen passen.
Wer früh beginnt, kann Kandidaten sorgfältig prüfen und Verhandlungen ohne unnötigen Zeitdruck führen. Wer auf den perfekten Zeitpunkt wartet, riskiert dagegen, später bei der Auswahl Kompromisse eingehen zu müssen.
III. Fazit und Handlungsempfehlung
Die aktuellen Rahmenbedingungen sprechen weder eindeutig für noch gegen einen sofortigen Unternehmensverkauf. Schwache Konjunktur, Finanzierungsdruck und niedrigere Bewertungen legen Zurückhaltung nahe. Dem stehen demografischer Wandel, strukturelle Veränderungen und der erhebliche Zeitbedarf einer sorgfältigen Nachfolge gegenüber.
Entscheidend ist deshalb weniger der perfekte Verkaufszeitpunkt als ein frühzeitiger Start des Prozesses. Gerade die Suche nach dem richtigen Übernehmer braucht Zeit. Er muss nicht nur die Finanzierung darstellen können, sondern auch fachlich, unternehmerisch und persönlich zum Unternehmen passen.
Frühzeitig mit der Nachfolge zu beginnen bedeutet dabei nicht, sofort verkaufen zu müssen. Vielmehr geht es darum, das Unternehmen auf eine Übergabe vorzubereiten, mögliche Übernehmer kennenzulernen und verschiedene Optionen offenzuhalten.
Die Empfehlung lautet daher: Nicht auf bessere Zeiten warten, sondern jetzt die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Nachfolge schaffen. Wer früh beginnt, gewinnt Zeit und Handlungsspielraum – und erhöht die Chance, den richtigen Übernehmer zu finden.
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