Wie gelingt es einem traditionsreichen Industrieunternehmen, neue Geschäftsfelder aufzubauen, während das bestehende Geschäft noch trägt? Dieser Frage ging der Arbeitskreis Fertigungsorganisation des RKW Baden-Württemberg bei seinem Unternehmensbesuch bei Nagel Technologies in Nürtingen nach.

Eingeladen hatte André Nuffer, Produktionsleiter bei Nagel Technologies und selbst Teilnehmer des Arbeitskreises Fertigungsorganisation. Er führte die Gruppe durch den Nachmittag und gab gemeinsam mit Kollegen Einblicke in die Produktion, die Organisation und den Transformationsweg des Unternehmens.

Nagel Technologies blickt auf eine lange industrielle Tradition zurück. Das Stammhaus in Nürtingen beschäftigt rund 350 Mitarbeitende; die Unternehmensgruppe ist mit mehr als 1.250 Beschäftigten an 26 Standorten vertreten. Zu den technologischen Kompetenzen zählen unter anderem Honen, Superfinishen, Schleifen, Robotik und Verguss.

Verändern, obwohl das bisherige Geschäft noch funktioniert

Besonders spannend für die Teilnehmer des Arbeitskreises war der Umgang des Unternehmens mit tiefgreifenden Marktveränderungen. Die Corona-Pandemie und neue Anforderungen rund um Euro 7 erhöhten den Veränderungsdruck erheblich. Gleichzeitig liefen die bisherigen Produkte zunächst weiterhin erfolgreich – eine Situation, in der die Dringlichkeit für Veränderung nicht zwangsläufig für alle Beteiligten unmittelbar sichtbar ist. 

Nagel entschied sich, neue technologische Kompetenzen rund um die beschichtete Bremsscheibe aufzubauen. Statt einer großen neuen Organisationseinheit startete das Unternehmen mit einem kleinen, interdisziplinären Team von zunächst vier Personen. Der Transformationsweg folgte dabei keinem starren Masterplan, sondern entwickelte sich schrittweise: Handlungsbedarf erkennen, eine Grundsatzentscheidung treffen, klein starten, schnell skalieren und die neue Technologie anschließend in die bestehende Organisation integrieren.

Kurze Wege und schnelle Umsetzung

Für den Arbeitskreis Fertigungsorganisation war insbesondere die Verbindung von strategischer Entscheidung und operativer Umsetzung interessant. Bei Nagel werden Projekte bewusst bereichsübergreifend organisiert. Kunden werden früh in die Entwicklung eingebunden, Prototypen schnell umgesetzt und Entscheidungen mit einer hohen Taktung begleitet. So gibt es unter anderem wöchentliche Steuerungsrunden und tägliche Abstimmungen auf dem Shopfloor.

Diese Vorgehensweise verkürzte die Zeit bis zum Markt erheblich: Von der Entwicklung bis zur Auslieferung erster Maschinen verging weniger als ein Jahr. Der neue Bereich rund um beschichtete Bremsscheiben erzielt laut Unternehmensdarstellung inzwischen höhere Umsätze als die traditionellen Produktbereiche.

Dabei zeigt das Beispiel auch, dass Transformation nicht allein eine technologische Aufgabe ist. André Nuffer nennt unter anderem offene Kommunikation, die Einbindung der Mitarbeitenden, schrittweise Investitionen und das bewusste Nutzen vorhandener Kompetenzen als wichtige Bausteine. Auch der Übergang von der Unikat- zur Serienfertigung erforderte Veränderungen in Organisation und Denken.

Impulse für die eigene Fertigungsorganisation

Der Impulsvortrag von André Nuffer und der ausführliche Rundgang durch die Fertigung boten reichlich Stoff für die Diskussion der Teilnehmer. Welche Strukturen braucht es, damit Unternehmen schnell auf veränderte Marktbedingungen reagieren können? Wie klein kann ein Transformationsteam starten? Wie lassen sich neue Aufgaben in eine bestehende Organisation integrieren, ohne parallele Strukturen aufzubauen? Und welche Rolle spielen Führung, Kommunikation und Shopfloor-Nähe?

Das Beispiel Nagel zeigt einen Ansatz, bei dem Veränderung nicht als isoliertes Projekt verstanden wird. Aus dem ersten neuen Technologiefeld entstanden weitere Geschäftsfelder unter anderem in Robotik, Batteriemontage und Vergusstechnik.

Ein Leitgedanke aus dem Nachmittag lässt sich besonders gut auf andere mittelständische Unternehmen übertragen: Veränderung beginnen, solange das bestehende Geschäft noch trägt. Daneben wurde an dem Nachmittag erfolgsfördernde pragmatische Prinzipien erkennbar: Klein starten und konsequent skalieren, vorhandenes Know-how nutzen, neue Aktivitäten in die bestehende Organisation integrieren und Vertrauen durch sichtbare Teilerfolge aufbauen hervor.

Vielen Dank an André Nuffer und das Team von Nagel Technologies für die Einladung, die offenen Einblicke und den intensiven Austausch mit dem Arbeitskreis Fertigungsorganisation.

Bildquellen und Copyright-Hinweise
  • © Ralph Sieger / RKW Baden-Württemberg – Arbeitskreis Fertigungsorganisation zu Gast bei Nagel Technologies (Foto_1.jpg)

Fertigungsprozesse gemeinsam weiterentwickeln

Sie möchten Ihre Fertigungsorganisation weiterentwickeln und sich mit anderen Unternehmen über praxiserprobte Ansätze austauschen? Der Arbeitskreis Fertigungsorganisation des RKW Baden-Württemberg bietet Raum für fachlichen Austausch, neue Impulse und konkrete Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis. Sprechen Sie uns an!

mehr erfahren

Ralph Sieger Fachbereichsleitung Vertrieb

0711 22998-33